Was der BSG-Test zeigt
Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) misst, wie schnell die roten Blutkörperchen in einem dünnen, senkrecht stehenden Röhrchen mit Blut innerhalb einer Stunde zu Boden sinken, angegeben in Millimetern pro Stunde (mm/hr). Bei einer Entzündung setzt die Leber Proteine frei – vor allem Fibrinogen –, die die roten Blutkörperchen zu Stapeln zusammenlagern lassen, den sogenannten Geldrollen (Rouleaux). Schwerere Geldrollen sinken schneller, sodass die BSG steigt. Wie MedlinePlus es beschreibt, ist die Blutsenkung ein indirektes, allgemeines Maß für Entzündungen.
Da sie von diesen Proteinen abhängt, statt sie direkt zu messen, ist die BSG unspezifisch: Sie weist auf eine wahrscheinliche Entzündung hin, aber nicht darauf, wo diese sitzt oder was sie verursacht. Zudem verändert sie sich langsam. Fibrinogen braucht Tage, um sich aufzubauen und wieder abzubauen, sodass die BSG über etwa eine Woche ansteigt und nur langsam wieder zurückgeht – ein nachlaufendes Signal, kein Echtzeitwert.
Das ist der entscheidende Unterschied zum CRP, das die Leber ebenfalls bildet, das aber direkt gemessen wird und sich innerhalb von Stunden ändert. Die BSG unterscheidet sich damit auch von den Zellzahlen, mit denen sie im großen Blutbild zusammengefasst wird: Diese zählen die Leukozyten und andere Zellen direkt, während die BSG erfasst, wie sich das Plasma um sie herum verhält. Die roten Blutkörperchen spielen aber dennoch eine Rolle – eine Anämie beschleunigt das Absinken und erhöht die BSG, während sehr hohe Erythrozytenzahlen es verlangsamen.
BSG-Normalbereich
Die BSG wird in mm/hr angegeben. Ihre SI-Einheit ist Millimeter pro Stunde (mm/h) – dieselbe Messgröße –, sodass US-amerikanische und europäische Befunde übereinstimmen und nicht umgerechnet werden müssen. Was die Grenze zum „Normalen“ verschiebt, sind Alter und Geschlecht: Die Werte steigen mit dem Alter leicht an und liegen bei Frauen etwas höher.
| Gruppe | Richtwert, mm/hr (SI mm/h – identisch) |
|---|---|
| Männer unter 50 | 0–15 |
| Männer über 50 | 0–20 |
| Frauen unter 50 | 0–20 |
| Frauen über 50 | 0–30 |
| Kinder | 0–10 |
Eine weit verbreitete Altersformel schätzt die Obergrenze als Alter ÷ 2 bei Männern und (Alter + 10) ÷ 2 bei Frauen – deshalb können 25 mm/hr mit 80 Jahren unauffällig, mit 25 Jahren aber auffällig sein. Typische Bereiche nach der Westergren-Methode fasst StatPearls zusammen. Referenzbereiche hängen vom Labor, von der Methode, vom Geschlecht und vom Alter ab – beurteilen Sie Ihren Wert immer anhand Ihres eigenen Befunds.
Warum die BSG hoch ist
Eine erhöhte BSG weist auf eine Entzündung hin, aber nicht auf deren Quelle. Grob nach Häufigkeit:
- Infektion. Sowohl akute Infektionen als auch verborgene chronische (Knochen, Herzklappen, Tuberkulose, Abszesse) erhöhen die BSG, manchmal deutlich.
- Autoimmun- und Entzündungserkrankungen: rheumatoide Arthritis, Lupus, Polymyalgia rheumatica, Vaskulitis und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Die BSG dient bei diesen Erkrankungen oft dazu, die Krankheitsaktivität einzuschätzen.
- Nicht krankhafte Erhöhungen: höheres Alter, weibliches Geschlecht, Schwangerschaft, Adipositas und Anämie treiben die BSG jeweils für sich genommen leicht nach oben.
- Gewebeschädigung: kürzliche Operation, Verletzung oder ein Herzinfarkt.
- Nierenerkrankungen, insbesondere das nephrotische Syndrom und die chronische Nierenerkrankung.
- Krebserkrankungen, insbesondere Lymphome und das multiple Myelom, die die BSG sehr stark ansteigen lassen können.
Wann ist es dringend? Eine deutlich erhöhte BSG – oft über 100 mm/hr – lässt vor allem an eine schwere Infektion, Krebs oder eine Vaskulitis denken und erfordert eine rasche Abklärung. Der eindeutigste Notfall ist die Riesenzellarteriitis: Bei einem Menschen über 50 Jahren erfordern neue Kopfschmerzen, eine berührungsempfindliche Kopfhaut, Kieferschmerzen beim Kauen oder jede Sehveränderung zusammen mit einer erhöhten BSG eine Versorgung noch am selben Tag, denn unbehandelt kann sie zu einer plötzlichen, dauerhaften Erblindung führen.
Warum die BSG niedrig ist
Eine niedrige BSG ist meist harmlos und selten der Anlass für eine Abklärung, hat aber anerkannte Ursachen – und sie kann eine Entzündung verdecken, die sich sonst zeigen würde. Grob nach Häufigkeit:
- Hohe Erythrozytenzahlen (Polyzythämie) oder ein erhöhter Hämatokrit: Mehr Zellen drängen sich im Röhrchen und verlangsamen das Absinken.
- Veränderte Form der roten Blutkörperchen: Sichelzellen, Sphärozyten und sehr kleine Zellen lagern sich nicht sauber zu Stapeln zusammen und sinken daher langsam.
- Niedriges Fibrinogen: schwere Lebererkrankung oder bei starker Gerinnung verbrauchtes Fibrinogen.
- Sehr hohe Leukozytenzahlen und manche Fälle von Herzinsuffizienz.
- Technische Probleme: eine geronnene oder verdünnte Probe oder eine zu lange Verzögerung, bevor der Test durchgeführt wird.
Die Bedeutung spiegelt das Szenario der dringend erhöhten Werte wider: Bei einem Menschen mit Polyzythämie oder Sichelzellkrankheit kann eine „normale“ BSG eine tatsächlich vorhandene Entzündung unterschätzen, sodass Ärztinnen und Ärzte stattdessen auf das CRP zurückgreifen.
Sinnvolle Begleituntersuchungen
Die BSG wird fast nie allein betrachtet. Sie wird mit Markern kombiniert, die eine Entzündung bestätigen und Hinweise auf deren Ursache geben:
- CRP – der schnellere, spezifischere Entzündungsmarker; beide werden meist zusammen bestimmt.
- Leukozyten – bei vielen Infektionen und Entzündungszuständen erhöht.
- Neutrophile Granulozyten – steigen tendenziell bei bakteriellen Infektionen an.
- Lymphozyten – verändern sich bei viralen und chronischen Erkrankungen.
- Hämoglobin – eine Anämie erhöht die BSG und ist bei chronischer Entzündung häufig.
- Hämatokrit und Erythrozyten – hohe Werte sind eine der häufigsten Ursachen für eine falsch niedrige BSG.
- Thrombozyten – steigen bei aktiver Entzündung oft parallel zur BSG an.
- Ferritin – ein weiteres Akute-Phase-Protein; hilft, eine Eisenmangelanämie von einer Anämie bei chronischer Erkrankung zu unterscheiden.
- Kreatinin – ein Nierenwert, da Nierenerkrankungen die BSG erhöhen können.
Was Sie bei einem auffälligen Ergebnis tun sollten
- Behandeln Sie keine Zahl. Die BSG ist ein Hinweis, keine Diagnose; ein leicht erhöhter Wert ohne Beschwerden – bei älteren Menschen häufig – erfordert oft nur eine Kontrolluntersuchung.
- Beurteilen Sie den Wert im Zusammenhang. Interpretieren Sie die BSG zusammen mit dem CRP, dem Blutbild und Ihrem Befinden. Eine Blutsenkung ist am aussagekräftigsten, wenn sie ein klinisches Bild bestätigt oder dessen Verlauf verfolgt.
- Achten Sie auf Warnzeichen. Fieber, unerklärlicher Gewichtsverlust, Nachtschweiß, neue Knochenschmerzen oder – jenseits der 50 – neue Kopfschmerzen mit Kiefer- oder Sehbeschwerden erfordern eine dringende Abklärung.
- Wenden Sie sich zuerst an Ihre Hausarztpraxis. Dort wird entschieden, ob das Muster auf eine Infektion, eine Autoimmunerkrankung, eine Nierenerkrankung oder auf etwas hindeutet, das eine fachärztliche Abklärung erfordert.
- Rechnen Sie bei Bedarf mit einer Überweisung: in die Rheumatologie bei Verdacht auf eine Vaskulitis, eine Riesenzellarteriitis oder eine Polymyalgie; in die Hämatologie bei einer sehr hohen BSG oder Verdacht auf ein Myelom; in die Infektiologie bei einer verborgenen Infektion.
Mini-FAQ
Was ist ein normaler BSG-Wert nach Alter und Geschlecht?
Eine gängige Faustregel liegt bei bis zu etwa 15 mm/hr bei Männern und 20 mm/hr bei Frauen, wobei die Obergrenze mit dem Alter steigt. Eine schnelle Altersschätzung ist Alter ÷ 2 bei Männern und (Alter + 10) ÷ 2 bei Frauen – beurteilen Sie den Wert aber immer anhand des Bereichs Ihres eigenen Labors.
Was bedeutet ein hoher BSG-Wert?
Eine erhöhte BSG signalisiert eine Entzündung irgendwo im Körper, aber nicht wo oder warum. Häufige Ursachen sind Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Gewebeschädigungen, Nierenerkrankungen, Anämie, Schwangerschaft und höheres Alter, weshalb sie zusammen mit den Beschwerden und dem CRP beurteilt wird.
Worin unterscheidet sich die BSG vom CRP?
Das CRP ist ein Entzündungsprotein, das direkt gemessen wird und innerhalb von Stunden steigt und wieder fällt; die BSG ist ein indirektes Maß, das sich über Tage verändert. Das CRP eignet sich meist besser, um eine akute Erkrankung zu verfolgen, während die BSG bei Erkrankungen wie der Riesenzellarteriitis weiterhin eine Rolle spielt.
Wann ist ein hoher BSG-Wert ein Notfall?
Eine sehr hohe BSG, oft über 100 mm/hr, erfordert eine rasche Abklärung auf eine schwere Infektion, Krebs oder eine Vaskulitis. Bei Menschen über 50 Jahren mit neuen Kopfschmerzen, Kieferschmerzen beim Kauen oder Sehveränderungen kann sie auf eine Riesenzellarteriitis hindeuten, die noch am selben Tag versorgt werden muss, um das Augenlicht zu schützen.
Kann die BSG normal sein, obwohl etwas nicht stimmt?
Ja. Die BSG ist unspezifisch und kann bei einer frühen oder örtlich begrenzten Entzündung normal bleiben; außerdem kann sie durch hohe Erythrozytenzahlen oder eine veränderte Form der roten Blutkörperchen falsch niedrig ausfallen. Ein normales Ergebnis schließt eine Erkrankung nicht aus, weshalb es zusammen mit anderen Untersuchungen beurteilt wird.


